Lieber Arbeit als bei der Familie...

Eine Studie der amerikanischen Soziologin Arlie Russell Hochschild ergab, dass viele Menschen lieber bei der Arbeit als bei ihrer Familie sind. Die These, dass die Arbeit immer mehr zum Zuhause und das Privatleben zum Ort von Arbeit und Stress wird, ist Grundlage ihres Buches "Keine Zeit. Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet".

Obwohl viele Firmen immer mehr flexible Arbeitszeitmodelle anbieten, werden diese nur von relativ wenigen Menschen genutzt, was weniger mit Nichtwissen oder Druck von Vorgesetzten zusammenhängt. Ein Interview mit 130 Mitarbeitern aus den verschiedensten Hierarchiestufen einer amerikanischen Firma zeigte, dass viele Menschen bei der Arbeit glücklicher sind als zu Hause. 

Bei der Arbeit fühlen sie sich kompetenter, sicherer und erfahren Anerkennung und Wertschätzung. Zu Hause ist das Leben schwieriger, unberechenbarer, die Familie verliert immer mehr an emotionaler Bedeutung. Bei Schwierigkeiten im Familienleben, sei es mit den Kindern oder bei Konflikten mit dem Partner, ist man auf sich selbst gestellt, es gibt keine Seminare und Fortbildungen, die einen, wie im Berufsleben, für bestimmte Situationen qualifizieren. 

Zudem stehen viele Menschen, vor allem Eltern, zu Hause ständig unter Druck, es gibt kaum unverplante Zeit, alles muss perfekt organisiert werden: Haushalt, Kochen, Hausaufgaben kontrollieren, Freizeitaktivitäten. usw. Die emotionalen Bindungen lockern sich, es gibt häufiger Konflikte.

Bei der Studie von Hochschild zeigte sich, dass jeder fünfte Befragte, unabhängig von der Hierarchiestufe im Betrieb, ein völlig verzerrtes Bild von Arbeit und Privatleben hatte: Die Arbeit wurde als das Selbstgewählte empfunden, das Private als Last.

Hierzu tragen sicherlich auch die modernen Arbeitsbedingungen bei: Viele Menschen haben heute das Gefühl, ihre Arbeit selbst mitgestalten zu können, so dass sie mit dem Ergebnis eher zufrieden sein können, die Arbeit für sich selbst zu tun. Zudem wird inzwischen in Firmen auch mehr auf die privaten Belange der Mitarbeiter eingegangen, und sei es nur, dass man teilweise Haustiere mit ins Büro bringen darf. Arbeit und Privatleben verschwimmen dadurch immer mehr, die Zeit daheim wird entwertet.

Dezember 2003

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